Gallische Druiden kennt jeder aus "Asterix". In
der Esoterik-Szene sind sie bis heute Stars. Aber Forscher haben jetzt
herausgefunden: Unsere Vorstellung von den antiken Priestern und Naturheilern
könnte kaum falscher sein.

Druiden gibt es heute noch. Dylan Apthium ist Erzdruide des britischen
"Inselordens der Druiden". Hier betet er in Cornwall, dass die Wolken
verschwinden mögen.
Die
gute Nachricht für alle Fans der Druiden ist: Sie haben wohl
tatsächlich Misteln geschnitten,um daraus Tränke zuzubereiten. Aber die
„Sichel“, die sie dafür benutzten, war wohl eher ein Messer oder eine
Hippe, und aus Gold war sie natürlich auch nicht, sondern bestenfalls
aus vergoldeter Bronze - denn Gold ist viel zu weich.
Aber die
Legende über diesen Ritus, den vom „Asterix“-Leser bis hin zum
neoheidnischen Priester jeder kennt, ist noch die harmloseste
Verzerrung. Denn mit den Nachrichten über die Männer, die bei den
vorchristlichen Galliern vermutlich die Rolle berufsmäßiger Naturweiser
und Volkserzieher ausübten, verhält es sich wie mit den meisten
Überlieferungen aus der Antike: Das wenige, was wir wissen, stammt von
Männern, die die Kultur und die Sprache fremder Barbarenvölker nicht
verstanden und die bloß Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach dem
eigentlichen Geschehen umformulierten, was andere vor ihnen geschrieben
hatten.
Dennoch ist die Faszination für Druiden so anhaltend,
dass jetzt gleich zwei neue Bücher wieder einmal versuchen, die
Wahrheit hinter dem Mythos zu entdecken: Das eine stammt vom deutschen
Keltenforscher Bernhard Maier, das andere von dem französischen, vor
allem mit Ausgrabungen gallischer Altertümer beschäftigten Archäologen
Jean-Louis Brunaux.
Dabei gibt es überhaupt nur drei Autoren,
die möglicherweise tatsächlich mal einen Druiden getroffen haben.
Dummerweise ist der Text des einen nicht überliefert, der andere
frisiert die Fakten aus politischen Gründen und der dritte schreibt an
zwei Stellen in seinem Werk Dinge, die einander komplett widersprechen.
Der Verschollene heißt Poseidonios und war ein in Syrien
geborener Grieche, der um das Jahr 100 v. Chr. eine Zeit lang in der
alten griechischen Kolonie Massalia lebte, dem heutigen Marseille. Dort
hatte er Gelegenheit, die benachbarten Gallier näher kennen zu lernen.
Von ihm haben fast alle anderen Autoren der Antike mal mehr, mal
weniger direkt abgeschrieben. Von ihm übernahm Plinius der Ältere
vermutlich die Geschichte mit der Mistel und der goldenen Sichel. Und
nur in solchen bruchstückhaften Plagiaten und Zitaten ist Poseidonios‘
Werk überliefert.
Der zweite Autor war Julius Caesar, der ja
eigentlich während seines gallischen Feldzuges Gelegenheit hatte, sich
selbst bei den Druiden umzusehen. Aber auch er hat das meiste von
Poseidonios kopiert und anderes nach Gutdünken erfunden. Von Caesar
stammt die Behauptung, die Druiden hätten in der gallischen Bevölkerung
als Oberpriester eine führende politische Rolle gespielt, die
derjenigen des Pontifex Maximus in Rom ähnelte - letzteres Amt hatte
Caesar ja selbst ausgeübt.
Man kann Julius Caesar nicht trauen
Auch
den keltischen Götterhimmel hat Caesar sehr rabiat dem Pantheon seiner
Heimat angeglichen, so dass sämtliche römischen Götter in Gallien
scheinbar nur unter anderem Namen auftauchten. Dem Feldherrn und
späteren Diktator ging es darum, Gallien als ein vergleichsweise
zivilisiertes Gebiet darzustellen, das leicht in eine römische Provinz
umgewandelt werden konnte. Wegen des großen Prestiges, das Caesar bis
heute genießt, galt seine Darstellung der Druiden lange Zeit als das
letzte Wort in Sachen gallischer Religion und Gesellschaft.
Das
Problem ist nur: Wenn man sich anschaut, welchen Unfug Caesar
vermutlich wider besseres Wissen über die Germanen schreibt, gibt es
wenig Grund, seinen Nachrichten über die Gallier zu trauen. Aus den
genannten politischen Gründen wollte Caesar die vermeintlich schon halb
römischen Gallier um so deutlicher von den Germanen abheben. In
Wirklichkeit waren sich beide Völker im Guten wie im Bösen viel
ähnlicher.
Der dritte Zeitzeuge mit authentischer
Druiden-Kenntnis ist Cicero. In seinen Briefen erwähnt er einen ihm
persönlich bekannten Gallierfürsten namens Diviacus, der auch ein
Druide sei und als solcher eine Wissenschaft betreibe, die Cicero mit
dem griechischen Wort physiologia bezeichnet.
Diese
Charakterisierung des Diviacus als eines Gebildeten, mit dem selbst der
größte Intellektuelle Roms angeregt disputieren konnte, passt nur
leider überhaupt nicht zum blutrünstigen und rohen Bild, das der
gleiche Cicero in seinem Gerichtsplädoyer Pro Fonteio von den Galliern
zeichnet. Hier schwelgt der Rechtsanwalt in der Beschreibung von
Menschenopfern, die wilden Göttern in finsteren Waldhainen dargebracht
werden.
Bei den Kelten gab es eine Vielzahl von Regionalgöttern
Es
ging ihm darum, seinen Mandanten Fonteius vom Vorwurf reinzuwaschen, er
habe als Statthalter der Provinz Gallia Narbonensis seine Untertanen
allzu sehr ausgepresst. Da kam Cicero alles recht, was die
Glaubwürdigkeit der gallischen Zeugen und Ankläger untergrub.
Aus
solchen zweifelhaften Quellen versuchen Maier und Brunaux die
historische Wahrheit zu filtern. Dabei ist der Deutsche noch
skeptischer als der Franzose. Er geht aufgrund archäologischer Funde
davon aus, dass die authentische keltische Götterwelt keineswegs
einheitlich war, sondern dass es eine Vielzahl von Regionalgöttern gab.
Also ist wohl auch eine homogene Priesterkaste, die von den
Inselkelten Großbritanniens über die Gallier bis zu Kelten in
Kleinasien fungiert habe, mehr als unwahrscheinlich. Beide
Wissenschaftler nehmen an, dass die Druiden eigentlich nur in Gallien
existierten, dass sie neben den Barden und vates nur eine von drei
herausgehobenen Kasten waren (deren Bedeutung Caesar schamlos
übertrieb) und dass sie in der gallischen Gesellschaft zu Beginn der
römischen Invasion schon fast bedeutungslos waren.
Ganz im
Vorbeigehen versuchen sie auch wieder einmal, den populären Irrtum aus
der Welt zu schaffen, die vielen vorgeschichtlichen Steinmonumente, die
man in Europa findet, seien keltische Kultstätten. In Stonehenge werden
ja sogar gelegentlich neoheidnische Zeremonien abgehalten.
Doch
Stonehenge wurde mindestens 3000 v. Chr. errichtet - lange bevor es die
ersten Kelten gab. Weder der britische Steinkreis noch sein Pendant im
französischen Carnac, noch irgendein Dolmen, Menhir oder Hünengrab
haben etwas mit den Druiden zu tun. Der naive Obelix weiß das aber
nicht und trägt deshalb seinen Hinkelstein völlig überflüssigerweise
mit sich herum.
Im Wort "Druide" steckt das keltische Wort für "weise"
Einigermaßen
sicher weiß man über die Druiden, dass im zweiten Teil ihres Namens ein
keltisches Wort uid „weise, klug“ steckt, das auf eine indogermanische
Wortwurzel zurückgeht, die auch im deutschen Witz, im englischen wit
„Geist“ und im französischen savoir „wissen“ weiterlebt. Der erste
Wortbestandteil dru kennzeichnete die Druiden entweder als
„Eichenweise“ (weil Misteln oft auch Eichen wachsen) oder als „sehr
Weise“ oder beides, weil die Eiche als Symbol von Stärke und Macht
galt.
Weil man bei den antiken Autoren so wenig erfährt, haben
Wissenschaftler, Keltenfans und auch die heutigen Priester
neoheidnischer Kulte immer wieder zu den Sagen aus dem
mittelalterlichen Irland gegriffen, um ihr Wissen über die Druiden zu
ergänzen. Das Problem ist nur: Als die Legenden notiert wurden, war
Irland schon seit vielen Jahrhunderten christianisiert.
Es ist
sehr unwahrscheinlich, dass die aufzeichnenden Mönche noch
authentisches Wissen vom Heidentum hatten. Und es ist möglich, dass sie
die Priester in den Geschichten sogar nur deshalb Druiden nannten, weil
sie als Gebildete bei Caesar gelesen hatten, dass keltische Priester
nun einmal so heißen.
Das Bild, das man sich heute von den
Druiden macht, ist sogar noch viel jünger. Wenn die Neo-Druiden
allesamt mit weißem Kapuzenmantel und einem Stab herumlaufen, dann geht
das keineswegs auf irgendeine antike oder auch nur irische Quellen
zurück. Sondern auf ein Bild des Kupferstechers William Dolle von 1676.
Der Brite hatte sich für seinen Stich an den Darstellungen christlicher
Einsiedler orientiert. Gerade weil die Druiden durch diese Kleidung dem
vertrauten Bild eines sanften Weisen so ähnelten, konnten sie bis heute
so populär werden.
Tolkien kritisierte die Kelten-Begeisterung
Wahrscheinlich
sind die Druiden auch deshalb so beliebt, weil man so wenig über sie
weiß. So konnte jeder, von mittelalterlichen Mönchen (die Druiden oft
für Proto-Christen hielten) über englische und französische Humanisten
(die die Kelten und ihre Zauberer als nationale Vorfahren reklamierten)
bis hin zu den Neo-Heiden (die die Druiden-Religion als eine Art
Karneval neu erfanden) sich seine ganz persönlichen Druiden
zurechtspinnen - unbelastet von allzu vielen Fakten.
Ausgerechnet
J. R. R. Tolkien, der für seine Romane vom „Herrn der Ringe“ die
keltische Mythologie gründlich ausschlachtete (er wusste allerdings,
dass das nur Poesie war) sprach ein bitteres Urteil über die moderne
Keltophilie: „Für viele Menschen gleichen die Kelten einem Sack, in den
man nach Belieben Inhalte hineinfüllen oder herausholen kann. In der
sagenumwobenen keltischen Dämmerung ist alles möglich, doch handelt es
sich weniger um eine Götterdämmerung als um eine Verdunkelung der
Vernunft.“
Diese Druiden-Euphorie ist übrigens typisch für
Europa und seinen Ableger Amerika. Der Wissenschaftler Maier vermutet
gar, sie sei „Teil unsere klassisch-antiken und biblischen Erbes“. Denn
in Asien gibt es nichts Vergleichbares: „So ist nirgendwo eine
ähnliche, Jahrhunderte alte Faszination, Hochschätzung und
Beschäftigung mit irgendeiner vorbuddhistischen Religion bzw. deren
Priestern erkennbar.
Aber auch im islamischen Raum erscheint es
undenkbar, dass man sich bis heute etwa für die kahana , die Wahrsager
und Priester des altarabischen Heidentums hätte begeistern können.“ Es
ist eben so: Wir sind durch die Christianisierung und die humanistische
Bildung alle zu Römern geworden. Und schon die weisen Kelten Asterix
und Miraculix wussten: „Die spinnen, die Römer!“
Bernhard
Maier: "Die Druiden" (C. H. Beck, München. 127 S., 7,90 Euro).
Jean-Louis Brunaux: "Druiden. Die Weisheit der Kelten" (Klett-Cotta,
Stuttgart. 406 S., 27,90 Euro)